Mittwoch, 7. Januar 2015

Der 4. Jahrestag

EIn kleiner Nachtrag zum vorherigen Post von Tina.

Heute vor 4 Jahren sind wir in San Francisco angekommen. Mit einem Koffer fuer jede der 6 Personen. Der Container mit unserem restlichen Gegenstaenden noch mit dem Schiff unterwegs. Tessa war 10 Wochen alt, Nikolas fast 4, Lennart fast 9, Fiona fast 12. Tina und ich waren sichtlich juenger. Auch wenn wir durch die Strapazen der vorangegangenen Wochen sichtlich aelter aussahen.

Es war ein Freitag Abend. Alle muede von der langen Reise. Schnell das Auto von der Mietstation am Flughafen abgeholt und alles eingepackt. Naechster Stop: die Agentur die uns das Apartment fuer die naechsten Wochen besorgt hat. Auf nach San Francisco um den Schluessel abzuholen. Agentur geschlossen und der Schluessel nicht am vereinbarten Platz hinterlegt. Leichte Panik gesellt sich zur Muedigkeit. Wo bleiben wir bloss heute Nacht? Und morgen? Die Notrufnummer ist leider nicht besetzt. Ruhig bleiben. Nach fast einer Stunde dann den IT Techniker im geschlossenen Buero der Agentur aufgeschreckt. Leider erinnere ich mich nicht mehr an seinen Namen, aber er war sehr hilfsbereit und hat uns den Schluessel gegeben. Rettung in der Nacht.
Was fuer ein Auftakt zu einem spannenden Abentuer.

Viel ist seitdem passiert. Vieles ist anders gekommen als geplant und erwartet. Wohnort, Autokauf, Papierkram, Schulen, KIndergarten, Arbeit. Es ist aufregend und schoen. Manchmal aber auch beaengstigend und demotivierend. Neue Menschen und Ansichten. Neue Alltagssprache und deren Herausforderungen. Ein neues soziales System mit allen Licht- und Schattenseiten. Tolle Landschaften, Sonne und die staendige Bedrohung durch Erdbeben.

Fiona ist bereits auf der Highschool. Lennart hat sein letztes Jahr in der Middleschool. Nikolas ist schon in der zweiten Klasse und Tessa in der Preschool. Sie koennen die Sprache besser als Tina und ich. Sie sehen die Unterschiede in den Kulturen. Was wir gemein haben und was sich unterscheidet. Das sind wertvolle Erfahrungen fuer das weitere Leben.

Es ist immer noch toll. Kein Schnee im Winter. Wenig Regen und angenehme Temperaturen. Kurze Hosen das ganze Jahr. Nette und entspannte Menschen in dieser Gegend. Offen und freundlich, immer auf der Suche nach dem "next big thing". Das ist Amerika. Das ist die Bay Area. Auf ein paar weitere Jahre.



Jubiläum!

Heute sind es auf den Tag genau 4 Jahre, dass wir nach San Francisco gekommen sind.
4 Jahre!
Das ist irgendwie wirklich kaum vorstellbar....



Das Bild ist direkt nach der Ankunft auf dem Flughafen entstanden.
Lennart, 9 Jahre alt
Tessa, 10 Wochen
Fiona, 11 Jahre
und Nikolas, 3 Jahre alt (fast 4)


Mittlerweile ist Lennart 13, fast 14





Tessa ist 4 - älter als Nikolas auf dem Bild!





Fiona wird im Sommer 16 (Leute, holt die Kinder rein, Fiona macht den Führerschein!)



und Nikolas wird in wenigen Wochen 8





Die Handkameras sind mittlerweile auch um Längen besser, wie man sieht ;-)


Nikolas ist damals hier in die preschool gekommen (Kindergarten) - mittlerweile geht er in de 2. Klasse. Er ist von allen vieren derjenige, der am konsequentesten Deutsch spricht. Lustigerweise. Er kann auch nicht nur auf Englisch lesen, sondern auch auf Deutsch. Keiner weiß warum, den beigebracht haben wir ihm das nicht. Er will später Baseball-Spieler werden. Die Saison geht in 2 Wochen wieder los.

Tessa geht mittlerweile auch in die preschool "Miss Helens High School", und ihr grösster Wunsch ist sieben zu sein (so wie Nikolas) und ebenfalls in die Schule zu gehen. Das sie und Nikolas niemals gleichzeitig 7 sein werden, übersteigt ihren Horizont. Da wird sie richtig wütend.
Ansonsten ist sie eine ausgewiesene Expertin für "my little Ponys" und Prinzessinnen.
Im Herbs startet sie dann ihre Schulkarriere im Neu-geschaffenen TK (Transitional Kindergarten) level, für die Unglücklichen, die den Schnitt nicht geschafft haben und erst nach dem 01.09. fünf werden.

Lennart ist dieses Jahr in der 8 Klasse  und wechselt nach dem Sommer dann auch auf die High School. Er plant eine Karriere im Fernsehen, und treibt ansonsten viel Sport - Kung Fu, und dann alles so, was in der Schule saisonal angeboten wird - von Football (also American Football) bis zu Wrestling. Er spricht noch ziemlich gut Deutsch, allerdings mit permanent falschen Präpositionen *Ohren zuhalt* und ist seit unserer Ankunft in den USA bestimmt einen halben Meter gewachsen. Seit dem Herbst ist er auch grösser als seine grosse Schwester.
Was uns das in Lebensmitteln kostet, möchte ich gar nicht ausrechnen.

Fiona hat fast die Hälfte der High School hinter sich. Diesen Monat legt sie die DSD II Prüfung ab, die ihr muttersprachliche Deutschkenntnisse bescheinigen wird und sie damit berechtigt, ohne besondere Bedingungen an deutschen Universitäten  zu studieren. Sofern ihr GPA (Notendurchschnitt) und ihre SATs (Universitäts-Eingangs Test) gut genug sein werden.
Ab dem Sommer darf sie dann tatsächlich Auto fahren (alleine!) wenn sie die Führerscheinprüfung bestanden hat. Eine beängstigende Vorstellung. Fiona hat einen wirklich internationalen Freundeskreis ( mit Jugendlichen aus Indien, der Mongolei, China, Taiwan, Japan, Mexiko und auch ein paar "echten" Amerikanerin) und ist eine extreme Verfechterin von political correctness, Gleichberechtigung und gegen jegliche Art von Vorurteilen (von Deutschen in Dirndln mit Bierkrug in der Hand bis zu Asiatinnen, die nicht Autofahren können. Wobei das letzte kein Vorurteil ist, sondern eine Tatsache. Aber darüber streiten wir noch).Ausserdem ist sie seit mehreren Jahren Vegetarierin. Und sie spricht Französisch, allerdings mit amerikanischem Akzent, was wirklich extrem merkwürdig ist.

Ingo arbeitet immer noch bei Adobe, was bleibt ihm auch anders übrig, was anderes erlaubt unser Visum ja nicht. Allerdings mittlerweile im drölfzigsten Team und für den x-ten Chef. Adobe zeichnet sich in den letzten Jahren durch beständige Unbeständigkeit in seinem Kurs aus.

Tina arbeitet mittlerweile Teilzeit als Deutsch-Lehrerin, an einer deutschen Samstagsschule (was leider genau das heisst, jeder Samstag ein Arbeitstag, von 9.00 - 16.00 Uhr) wo sie mehr oder minder motivierte Erst- und Zweitklässsler mit deutschen Wurzeln mit Einsterns Schwester traktiert, und seit neuestem auch an einem Community College, wo sie Studenten mit deutscher Grammatik quält. Die sie im Gegenzug als "Professor" betiteln - was sich immer noch anfühlt, als wäre sie eine Hochstaplerin.





 Und jetzt gibt es ein Stück Kuchen zum Jubiläum



- auf die nächsten 4 1/2 Jahre. Solange ist unser neues Visum noch gültig.
Was danach sein wird, wissen wir noch nicht.
Fiona plant in 2,5 Jahren zum Studium nach Deutschland zurückzugehen,
Lennart will hier studieren.
Für den Rest der Familie ist die Zukunft offen.


Nachtrag: ich hatte vorhin leider wirklich keine Zeit mehr, aber wir sind heute morgen aufgewacht mit den Nachrichten aus Paris. Und natürlich haben sie auch für uns den ganzen Tag überschattet. Paris ist für mich die Stadt meiner Träume. Ich habe immer gedacht, irgendwann würde ich es schaffen, mal da zu leben. Das, was bei Charlie Hebdo passiert ist, tut mir wirklich in der Seele weh. Und das, was es am besten schafft, dieses surreale Gefühl von "hier ist für uns der perfekte Tag inkl. Sonnenschein, blauem Himmel und 22 Grad" und in Paris werden Journalisten und Polizisten niedergemetzelt zu beschreiben ist "an Tagen wie diesen" von Fettes Brot #jesuischarlie