Sonntag, 15. Januar 2012

Hat keiner gemerkt, ne?

Ihr seid vielleicht Freunde - wir hatten letzte Woche Jahrestag.

Nein, nicht Hochzeitstag, der war im November (wobei ist eigentlich egal, hat auch keiner gemerkt ja, richtig, der 13. und da fällt euch jetzt ein: Petersilienhochzeit war am 06. Mai, habt ihr auch alle nicht gemerkt - nu is zu spät!)

Na? na? na?

Richtig:


am 07.01. sind wir in San Francisco angekommen.

Also, das schreit doch nach einem kleinen Rückblick, oder?

Ist das Leben in den USA so wie wir es uns vorgestellt haben?

Ja, vieles ist so wir wir es uns vorgestellt haben. Es gibt hier keinen Schnee (noch nicht mal da, wo er jetzt liegen sollte *g*), wir brauchen keine Winterreifen und ich kenne noch nicht mal den amerikanischen Ausdruck für "Scheiben freikratzen".

San Francisco ist ein Traum von einer Stadt, die Menschen sind (fast) alle (fast) immer gut gelaunt, und hier ist es auch kein Problem mit einem trotzigen Vorschulkind und einem nöligen Baby einkaufen zu gehen - im Zweifelsfall beschenkt der nette Kassierer das Vorschulkind mit Aufklebern und fängt das entlaufende Baby wieder ein, während du die Kreditkartenabrechnung unterschreibst.

Da, wo für Deutsche das Glas halb leer ist, alles Scheiße und sowieso, ist für Amis das Glas halb voll, und wenn es im Moment nicht so gut läuft, kann es morgen ja nur besser werden.
Alle sind höflicher - beim Autofahren, beim in-der-Schlange-anstellen, auf dem Spielplatz, respektvoller und es wird nicht so schnell und viel verurteilt.

Was ist das beste?

Für mich ist eindeutig das beste, dass es Lennart hier in der Schule so gut geht. Die letzten Jahre waren für ihn für mich für uns echt hart, er ist in der Schule nicht zu recht gekommen, ich musste zu Hause ständig hinter ihm her sein (die Hausaufgaben! das Lernen! das Benehmen!) und unangenehme Gespräche mit genervten Pädagogen führen - hier läuft es.
Obwohl er nur mit Mühe und Not einfachste Sätze sagen konnte, als er im Februar in der Schule angefangen hat




konnte er schon zum Schuljahres-Ende die erste Belobigung-Urkunde einsacken:



und mittlerweile ist er zum Einser-Schüler (in allen Fächern!) mutiert, der den Eagle-Award diesmal in allen drei Kategorien (also auch in "academic achievement") bekommen hat.
Miss A. (letztes Schuljahr) und Mr. B (dieses Schuljahr) machen ihre Sache super, Lennart macht seine Hausaufgaben mittlerweile 100% alleine und lernt auch alleine für die Arbeiten und zum Glück braucht er jetzt auch in Language Arts keine Hilfe mehr, denn das war wirklich furchtbar, ich konnte das nämlich auch nicht, und wir haben am Anfang manchmal mehrere Stunden für die Hausaufgaben gebraucht.






Lennart wechselt im Sommer von der elementary school auf die middle school und wir sind und ziemlich sicher, das er dann noch nicht mal mehr als "english learner" eingestuft wird - ist das nicht toll?

Was könnte besser sein?

Ich wollte ja unglaublich gerne in San Francisco, also in der Stadt wohnen. Das hat überhaupt nicht geklappt - Castro Valley ist ungefähr so weit von SF entfernt wie Buchholz von Hamburg.
Castro Valley wird immer mit 3 Aussagen beschrieben:

1) safe (sicher)
2) good schools (gute Schulen)
3) boring (langweilig)

Alles drei stimmt. 1 ist sehr wichtig, weil hier safe einfach heißt, das man nicht damit rechnen muss, am helllichten Tag erschossen zu werden, wenn man die Straße betritt. In Oakland - das zwischen CV und SF liegt - sind dieses Jahr innerhalb von 5 Monaten drei Kinder im Alter von 23 Monaten bis 5 Jahren erschossen worden, weil sie zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Querschläger - ein Kind war sogar auf dem Arm seines Vaters.
Gute Schulen sind deshalb wichtig, weil schlechte Schulen meist auch nicht safe sind (aber gerne ein Schild haben  das sie als "Waffen und Drogenfreie Zone" auswiest und / oder einen Metalldetektor am Eingang, den Schülern nicht viel beibringt und als Alternative nur privat Schulen bleiben, die dann um die 1000 Dollar kosten. Pro Monat. pro Kind.
Leider stimmt auch drei. Wir haben zwar immerhin 4 Starbucks, aber man kann hier noch nicht mal eine Levis-Jeans kaufen oder Gyros essen. Es gibt keine richtig schöne Innenstadt, kein interessantes Einkaufszentrum, nur ein 1-Raum-Kino, wenig Kultur.

Leider brauchen wir ja viel Wohnraum, und gute Schulen in der Spanne von kindergarden (Vorschulklasse) bis high school, so dass die Frage ist, ob und wie wir an dieser Situation etwas ändern können. Vielleicht ziehen wir noch mal in einen anderen Vorort um, vielleicht bleiben wir auch hier und machen das beste draus, wer weiß. Erst mal sind wir jetzt gespannt, ob nächsten Monat unser Mietvertrag verlängert wird, und wenn ja, ob sich die Konditionen ändern.

Dann könnte die Heizung in unserem Haus besser sein, es wäre schön, wenn sie nicht nur das Obergeschoss heizen würde sondern auch das Erdgeschoss. Ich war ja eine echte Physik-Null, aber sogar ICH hätte den Architekten sagen (und erklären! können) warum das Heizsystem so nicht funktionieren kann.
Und ich würde mir wünschen, dass hier mal ein bisschen mehr Leben auf der Straße wäre. Mittlerweile weiß ich, dass in mindestens 75% der Häuser hier Kinder (Mehrzahl!) wohnen, aber die unterliegen offensichtlich alle der Haus-Haltung (sitzen die eigentlich den ganzen Tag vor dem Fernseher oder was?) und NIE ist jemand auf der Straße zu sehen.
Neulich haben wir Lennart bei seinem Freund abgeholt, und da waren lauter spielende Kinder auf der Straße - total schön....

Wir brauchen irgendwie mehr Freunde.
Wir haben zwar  - dank Nikolas - unsere Nachbarn von gegenüber, aber da die ein echt reges Sozialleben haben, brauchen wir dringend mehr!
Und unsere deutschen Freunde - Silke und Peter, Patzi und ihre Familie, leben einfach zu weit weg, als das man im Alltag "einfach mal eben so" sich treffen könnte.
Außerdem möchte ich ja nicht in den USA leben und nur deutsche Freunde haben ;-)
Allerdings stehen die nicht gerade Schlange, und wie man mal eben so Freunde findet, weiß ich nicht *seufz*

Was ist nicht so gut?

Eigentlich alles ist irrsinnig teuer hier.
Wie las ich heute gerade?
 Die Bay area ist der Ort auf der Welt, wo du 100.000 Dollar im Jahr verdienen kannst und dich trotzdem arm fühlen musst.
Das stimmt. Nicht nur das Lebensmittel z. T. wahnsinnig teuer sind (ich habe die 1! Paprika, die ich für 2,99 Dollar! gekauft habe, leider immer noch nicht vergessen), vor allem ist alles, was mit Kindern / Betreuung / Sport / Freizeit zu tun hat, wahnsinnig teuer.
Turn- oder Sportvereine im deutschen Sinn gibt es gar nicht, wenn, dann wäre das wohl am ehesten das YMCA, das es ausgerechnet hier nicht gibt, das aber dann immerhin für eine Familie immer noch 160 Dollar im Monat kostet, hier zahlt man für jede Sportart einzeln, und das sieht dann so aus:

1 Reitstunde (60 Minuten): 40 - 60 Dollar (pro einzelne Stunde, nicht pro Monat!)
Kung Fu, 2x 45-60 Minuten pro Woche: 110 Dollar pro Monat
6 Schwimmstunden a 30 Minuten: 36 Dollar
6x Kinderturnen à 45 Minuten. 54 Dollar
6x  Mutter-Kind-Gruppe: 75 Dollar
3 Monate Theaterkurs in der Schule, 1x die Woche 2 Stunden: 300 Dollar.

Nikolas Kindergarten: 5 Tage die Woche, 3 Stunden vormittags: 540 Dollar. 3 Tage die Woche, ganztags: 480 Dollar (das liegt daran, das nur morgens Kindergarten-Programm gemacht wird, nachmittags ist nur Betreuung).

Der übliche Babysitter-Tarif liegt hier bei mindestens 10 Dollar die Stunde - pro Kind! (d. h. wir müssten für einen Babysitter, wenn wir ihn davon überzeugen könnten, das Fiona und Lennart zwar hier wohnen, aber nicht mehr betreut werden müssen, mit ca. 60 Dollar für 3 Stunden rechnen - mindestens....)

In den USA werden übrigens alle Berufe nicht als Ausbildung vermittelt, sondern als Studium, und das ist - richtig! - kostenpflichtig.
Am günstigsten (und schlechtesten angesehen) sind die Community Colleges, da gehen die "armen Schweine" hin, die sich keine echte Uni leisten können, dann kommen die California State Universities, die pro Jahr mit ca 6000 Dollar zu Buche schlagen, dann die Universities of California, wo es dann schon 12.000 Dollar pro Jahr sind, und dann die privaten Unis, wo nach oben hin kein Limit ist.
(Das sind übrigens Sonderpreise für Einwohner Kaliforniens, für Studenten aus anderen Staaten und Ländern ist es ca. 20.000 Dollar teurer. Pro Jahr).
Die Ausbildung zur Hair Stylistin (Friseurin) bei Paul Mitchell kostet ca. 19.000 Dollar (neunzehntausend).Dauert ein Jahr.
Die Ausbildung zur OP-Schwester kostet ca. 100.000 Dollar (Einhunderttausend Dollar).

Okay, jetzt habt ihr euch ein paar schöne Bilder verdient *g*


Yosemite


Hearst Castle - San Louis Opisto


Los Angeles


Santa Monica


Lake Chabot -Castro Valley


Sacramento 


das Capitol. In Sacramento


Santa Cruz


Santa Cruz


Napa Valley


Muir Woods


Golden Gate Bridge von unten


Monterey (Aquarium. Eintritt für 2 Erwachsene, 2 Kinder: 110 Dollar)


Six flag kingdom


Mojave-Wüste




Death Valley


Oakland




Bleibt ihr jetzt da, oder kommt ihr zurück?

Keine Ahnung. Wirklich nicht.

Das hängt ja auch nicht nur von uns ab, sondern davon, ob das Visum Ende 2013 noch mal verlängert wird (wieder für max. 3 Jahre), und danach, ob wir noch mal ein (anderes) Visum bekommen würden (H statt L) bzw. irgendwann die Greencard. Oder ob die Firma mit dem großen roten A mal wieder trotz Rekord-Umsätzen so ein paar Hundert Leute entlässt, weil man glaubt, dass das an der Börse auf jeden Fall einen guten Eindruck auf die Analysten macht (voll der Schuss ins Knie, ihr Super-Strategen! Ganz schlechtes Karma, sage ich nur, in eurem nächsten Leben seid ihr Verantwortlichen dann mal - mhm was? Greeter bei Walmart? noch zu gut.... chinesische Wanderarbeiter! Nordkoreanische Fabrikarbeiter und Kim Jung- was-auch-immer Anbeter!) - dann wäre die Frage, ob Ingo innerhalb von 14 Tagen einen neuen Job findet, ansonsten müssten wir abreisen. Pronto.

Würden wir bleiben wollen? Ja und Nein. Jein.
Ich weiß jetzt schon, dass ich Kalifornien und die kalifornische Lebensart auf jeden Fall immer vermissen würde. Ich bin gerne hier, ich liebe das Klima, die Landschaft, die Leute. Mein Starbucks, mein Trader Joes und Whole foods market, mein La Boulange (sic!), meine 24. Straße, mein Noe Valley, die Chestnut Street, "unsere" Wohnung in San Francisco, den Mission Dolores Park, die GG Bridge, den Lake Merritt, die Grand Avenue, die Lakeshore Avenue, die Piedmont Avenue, Knudsens Creamery, Swiss Delice, Esthers German Bakery, JoAnns, Bolt's End, Stonemountain & Daughter, Piedmont Fabric, In between stiches, usw.

Ich vermisse meine Familie, meine deutschen Freunde bzw. Freundinnen, mein Berufsleben, meine Kollegen, unseren deutschen Lebensstandard (meine Perle, Doppelglasfenster und isolierte Haustüren, Umluftbacköfen, sogenannte "High Efficiency" Waschmaschinen, unsere Babysitterinnen und den guten deutschen Kindergarten) und die zumindest theoretische Möglichkeit, innerhalb von 8 Stunden in Paris zu sein. Berlin. Die Alster und den Hamburger Hafen. Haribo Mini Colorado, Bäcker Becker und Bäcker Engel, Die Schlachterei in Tussi-Town (Ich nehme Eiersalat, Fleischsalat (große Schüssel), Mett, Putenbrust, Salami (ohne Salbei), hausgemachte Fleischwurst, ein Stück Gouda, ein Stück Brie. und 4 Wiener). Aldi. Iphone.

viele Grüße
Tina


PS nur damit das morgen keinen Ärger gibt: Fiona spricht auch super Englisch und ist eine durchgängige A-Kandidatin, außer in Sport, aber da kann sie nichts für, ungünstige Gene. Und im nächsten Semester kommt sie hoffentlich auch aus dem English-Learner Kurs in einen normalen. Hoffe ich. Sie nicht.
Und Nikolas spricht auch englisch ( im Moment sagt er besonders gerne " That doesn't make any sense!) und kann seinen Namen schreiben und auf spanisch bis sechs zählen.
Und Tessa sagt auch schon "bye!"

4 Kommentare:

  1. Also nachträglich herzlichen Glückwunsch! Ihr könnt alle Sechs ganz schön stolz auf Euch sein!
    Soll ich jetzt auch aufzählen, warum wir Euch hier vermissen?
    Ach, und bei zwei von den schönen Bildern war ich dabei, als sie aufgenommen wurden, stimmts?
    Drück Dich ganz fest mit Träne im Knopfloch! Christiane

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  2. Liebste Näh-Tina-Familie,

    ein Jahr ist das schon her !! WOW !! Und Yeah *konfettischmeiß* oder doch *schnüff* ??!! Hm ein bisschen von beidem - ja doch gefühlt haben wir das ja schon an klein Tessas Geburtstag. War sie doch grad erst geschlüpft ;o) Wir sind total begeistert wie ihr euch eingelebt habt und lesen immer gerne mit. Also beschere uns noch ein paar aufregende Story -pleeeeaaase.... Ich schick auch Mini-Colorade ;o) fester drücker deine Glücksmarie

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  3. Unglaublich - ein Jahr vorüber! Wo ist das hin?

    Eine tolle Zusammenfassung hast du geschrieben und ich habe sie mit größtem Respekt gelesen. Unterm Strich klingt es auf jeden Fall positiv, erschreckend sind wirklich die Kosten, vor allem für die Angebote, die die Kinder und den Sport betreffen (unsere Kinder gehen BEIDE für 60€ im JAHR beim DLRG schwimmen!).
    Bei den Ausbildungspreisen kann man nur mit den Ohren schlackern und HOFFEN, dass die Ausbildung wenigstens gut ist und man damit eine Zukunft hat.

    Bleibt mir zum Schluß nur zu sagen: Auf in eine neues erfahrungsreiches Jahr für euch! Ich bin gespannt wie es weiterhin läuft und vorangeht...

    LG USchi

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  4. Alles in allem doch ein positiver Rückblick. Mit den Preisen können wir hier in DU mithalten *oerks*...

    Ich wünsche euch auf jeden Fall ein tolles zweites Jahr!!!

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